gedanken und texte

Das kleine französische Wörtchen „entre“, tritt ein, als Imperativ, aber auch mit der Bedeutung zwischen , begleitet mich in der Kunst, in der Philosophie, in meinem Leben. Auf meinen Reisen ist es ständig anwesend, versucht Strukturen zu erfahren, zu erweitern, die künstlerische, politische und kulturelle Systeme und Phänomene aufzeigen, die wiederum inhaltlich im Freiraum Kunst transformiert werden können.

ENTRE, Christa Manz-Dewald.JPG
Antwort auf einen Blick, Photozeichnung auf Aludibond gedruckt, 80x80 cm.jpg2.jpg

Ob Chinesisch, Französisch, Italienisch – Sprache ist Manz-Dewald bedeutsames Ausdrucks- und Austauschmittel, für eigene Gedanken und internationale Künstlerkontakte. Literatur inspiriert sie, und Serien wie les traces werden konkret mit Textpassagen verknüpft präsentiert. Es ist hierbei das Inhaltlich-Referentielle sowie das Klanglich-Assoziative, das die Künstlerin in ihren Schaffensprozess einbringt. La mer et la mére ist der Ausgangspunkt für die geistige Auseinandersetzung mit Werden und Vergehen, Empfangen und Gebähren, das ein von philosophischen Sentenzen begleitetes, über Jahre währendes Projekt prägt: Die Frau bildet einen Bilderzyklus, den sie im Meer versenkt, damit sich Eigen-Geschaffenes und Fremd-Gestaltendes verbinden. Ein Video, unterstützt mit Saxophonklang, wird später einziges Zeugnis sein – verbrannt in einer Urne kehren die Bilder ins Meer zurück, auf ewig.

            Konzeptionelles Arbeiten bestimmt einen großen Teil des Oeuvres, das weit über Malerei hinausgeht. Objekt-Installationen werden, auf organische Prozesse verzichtend, mechanisch erstellt, meist zu historischen Themen an spezifischen Orten, Geschichte und Gegenwart verbindend. Für das ‚Brücken-Festival’ entsteht die minimalistische Arbeit Fluchtpunkt A, wo sich mittels Leuchtschnur zwei Geraden im spitzen Winkel treffen und einen Punkt oben im Treppenhaus der Brücke fixieren. Ob es eine Verbindung oder ein Sich-Entfernen ist, bleibt offen; die zerstörte Brücke symbolisiert Schutz und Krieg zugleich. Auch diese Lichtinstallation ist Keim für eine jahrelange Entwicklung, denn die aktuelle Bildserie Fluchtpunkte variiert das Motiv der zwei Geraden mit Lichtwirkung und Digitaltechnik.

            War zuvor Wasser das Medium, in dem sich Wandlung vollzieht, ist es hier das Licht. Die Pharmazeutin nutzt chemische Prozesse, lässt Photoentwickler in der Bildentwicklung agieren und fixiert das ästhetische Ereignis. Ein Dualismus des Schaffens und Gewähren-lassens schwingt zwischen den Polen des Spontanen, Unbewussten oder Zufälligen und des Intendierten, Bewussten oder Konzeptionellen im harmonischen Gleichgewicht. Christa Manz-Dewald verwirklicht die Idee des Rhizoms, das sich über lange Zeit in großer Gestaltvariabilität wandelt. Entwicklung und Dialektik sind Wesen dieser Kunst; Bild, Sprache, Klang, Wasser, Licht sind die Medien, geprägt durch Intuition und Intellekt, meditative Konzentration und kulturelle Kommunikation, als Ausdruck des Inneren und Verinnerlichung des Äußeren.

 

© Dr. Marina Linares, Kunsthistorikerin (Köln, April 2010).

Künstlerische Gedanken in kultureller Begegnung

 

Eine retrospektive Betrachtung des Schaffens und Wirkens von Christa Manz-Dewald

 

Wer das Werk von Christa Manz-Dewald erfassen will, muss bereit sein, sich auf Sinnliches und Geistiges zugleich einzulassen – muss eintauchen ein eine ästhetisch-philosophische Sphäre, die einen Blick hinter die Erscheinungen, einen tieferen Blick, über profanes Objekterkennen hinaus, fordert. Gerade die Vielgestaltigkeit dieser künstlerischen Arbeit, die von klassischen Bildmedien über innovative Installationskonzepte bis zu eigenen Kulturprojekten reicht, lenkt unseren Blick auf den künstlerischen Gedanken dahinter, auf die zugrunde liegenden Ideen oder Prinzipien sowie auf die Schaffensintention der Künstlerin, die abstrakt genug scheinen, um sich in all diesen verschiedenen Formen und Techniken verwirklichen zu können.

            Ihre künstlerische Laufbahn beginnt Manz-Dewald mit einem zehnjährigen Privatstudium der Aquarellmalerei bei Wilhelm Gorré – mit einer Maltechnik, die ihrem Interesse sehr entgegen kommt: Das Wesen dieser Malweise zeichnet sich durch malerische Wechsel und Verbindungen, durch das Leichte und Lichte, das Fließen und Fließen-lassen aus; Farbe wird nicht – wie bei Öl- oder Acrylmalerei – in abdeckender oder gar pastoser Masse aufgetragen, sondern als Medium reiner Licht- und Farbwerte, die Impulse, Bewegungen und Wechselwirkungen offenbaren. Selten setzt die Malerin feste Grenzen oder Konturen, denn sie will keine konkreten Objekte umreißen, kein statisches Sein, sondern lebendiges Werden zeigen.

 Sie setzt eine reduzierte Palette ein, setzt auf die Suggestivwirkung weniger Grundtöne, die sie in Beziehung treten lässt: Gelb-Rot-Braun-Schwarz-Weiß bilden die Pole des abstrakten Farbraums, zwischen denen sich die Skalen unbegrenzter Nuancierungen, Überlagerungen und Vermischungen entfalten. Eine Besonderheit dieses Werkes liegt in der Kombination von Aquarellfarbe und Tusche, zweier polarer Farbstoffe, die eine immanente Spannung erzeugen: in der Kontrastierung von Bunt- und Schwarzton, in dem Gegensatz lichter Transparenz und undurchsichtiger Verdichtung. Während die farbige Fläche eine raumhafte Sphäre, eine fühlbare Stimmung, einen verströmenden Klang bildet, setzt Tusche momenthafte Akzente als Ausdruck konzentrierter Bewegung.

            Die Synthese beider Farbsubstanzen variiert in Format, Technik und Konzept. In Hommage a` Leoš Janáček gehen sie malerische Verbindungen ein, im monumentalen Bilderzyklus Entre posieren Tuschelineamente vor rot-gelbem Grund, und die kalligraphischen Arbeiten verabsolutieren Bildzeichen, die nach längerer meditativer Vorbereitung durch unmittelbare Kraftentfaltung mit breitem Pinsel auf Papier oder Leinwand entstanden. Asiatische Einflüsse sind unverkennbar: Die Künstlerin reist zu interkulturellen Projekten mehrmals in Japan und China (zuletzt 2009 in Hefei), befasst sich mit Buddhismus und Taoismus und erlernt die chinesische Sprache. Tusche, traditionell für Zeichnung und Kalligraphie gebräuchlich, ist das Medium, das Visuelles und Verbales verbindet – ein Gedanke, der besonders in den Ursprüngen asiatischer Kultur verankert ist.  

L a m e r  e t  l a  m è r e

Jenseits der Lebensmitte - schrieb die Frau

auf ein Blatt - wandele sich der Intellekt:

Wissen trete in den Hintergrund.

 

Wissen: Besitz – habhaft, angeeignet,

fest gestellt, versichert, auf schadhaften

Krücken der Überzeugung. Und nun?

 

Wissensdünkel versinkt im Wissensdunkel.

 

Wissen trumpfte auf, machte sich breit,

lag im Streit mit anderem Wissen, das

auftrumpft, sich breit macht – auch dies

auf schadhaften Überzeugungskrücken.

 

Auf einem Blatt notierte die Frau:

"Auflösung"

 

Auf Lösungen nicht erpicht, findet sich das

Leben in seine Bahn, fädelt sich in den

Weg ein, der vor ihm ausgelegt ist,

folgt seiner Spur.

Und die Dinge – wie die Objekte der

Kunst-, den Elementen anvertraut, ihnen

überlassen, an sie verschenkt, verwandeln

sich, öffnen ihr Antlitz:

Heiterer, gelöster Ausdruck, als erwiderten

sie den freundlichen Gruß der Frau, den

einst sie ihnen nachgesandt hatte.

 

Auf einem Blatt schrieb die Frau

-blasse Bleistifstriche, die Schrift flüchtig,

als solle nicht geredet, nichts erklärt,

schon gar nichts behauptet,

als dürfe nur geflüstert werden-:

"Das Meer entwickelt meine Bilder"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Au-delà du midi de la vie – écrivit la femme
sur une feuille – l’intellect change :
le savoir passe en arrière-plan.

 

Le savoir : un bien – annexé, approprié,
fixé, assuré, sur les béquilles
branlantes de la conviction. Et maintenant ?

 

La vanité du savoir s’enfonce dans l’obscurité
du savoir.

 

La savoir sortit ses atouts, prit de plus en
plus de place,
fut en conflit avec un autre savoir,
qui sort ses atouts, qui prend de plus en plus
de place
-celui-là aussi sur les béquilles bralantes de
la conviction.

 

Sur une feuille, la femme nota :
"dissolution" .
 

Sans être à la recherche des solutions,
la vie trouve sa voie, s’engage
sur le chemin, qui est tracé devant elle,
suit son sillage.
Et les choses – comme les objets
de l’art – confiées aux éléments
léguées à eux, offertes à eux,
se transforment, découvrent leur visage:
une expression sereine et détendue, comme
si elles répondaient à la parole amicale que
la femme
leur avait envoyées jadis.

Im dunklen Tauchbad

drunten in den Fluten schaukelnd

wiegend geborgen im lichtlosen Schoß

handlos gehalten

wächst es.

Die Mutter ist des Kindes inne

wird seiner gewahr

liebt

was ihr verborgen ist

was sie nicht sieht

Hoffnungsliebe.

Was Liebe liebt, sie weiß es nicht;

Es zeigt sich selbst, gibt sich zu erkennen.

Die sich nie sahen, sehen sich wieder.

 

Die Frau schrieb:"La mer et la mère"

 

Ozeanisches Mutterimago.

Die Wasser fluten

ebben ab

spülen aufs Land

lecken das Ufer

tränken es feucht

ziehen sich zurück.

 

 

Sur une feuille, la femme écrivit
- des coups de crayons légers, l’écriture furtive
comme si rien ne devait être dit, expliqué
et encore moins affirmé,
comme si tout devait être murmuré - :
" La mer développe mes tableaux " .

 

Plongé dans le bain sombre,
se berçant au fond des flots,
se balançant,
en sûreté dans les entrailles sans lumière,
tenu sans être tenu par des mains,
il grandit.
La mère est consciente de l’enfant,
S’apercoit de lui,
aime
ce qui lui est caché
ce qu’elle ne voit pas,
l’amour dans l’espérance
Ce que l’amour aime, il ne le sait pas ;
cela se montre tout seul, cela se fait connaître.
Ceux qui ne se sont jamais vus se revoient.

 

La femme écrivit : " La mer et la mère "
 

Imago océanique de la mère.
Les eaux montent
s’éloignent
se jettent sur la terre
lèchent le rivage
l’imprègnent d’humidité
se retirent.

Das Meer verschlingt

            gibt frei

verbirgt

            lässt zurück:

Wechsel der Gezeiten

Wiederkehr des Zyklus.

Luna-

            Gewährendes Gestirn

            Nachtlicht.

 

Auf einem wieder anderen Blatt steht:

           "La mer et la mère

Darunter :

            Weibliches, unbewußt

 

Und :

            La mer : unendlich

 

Ja?

Ist nicht das Meer die Grenze des Landes,

das Land die Grenze des Meeres?

Die Grenze beider - das Ufer?

           Und der Mann?

           Und das Weib?

Sobald eines das andre erkennt,

beginnt es sich selber zu ahnen.

 

 

 

La mer avale
redonne
cache
abondonne :
l’alternance des marées,
la périodicité du cycle.

 

Déesse de la lune-

corps céleste accordant
la lumière de la nuit.

 

Sur une autre feuille est écrit :
"La mère et la mer"
Au-dessous :
              Le féminin, inconscient
et :
              La mer : infinie

 

Vraiment ?
La mer n’est-elle pas la limite de la terre,
la terre la limite de la mer ?
La limite des deux – le rivage ?
             Et l’homme ?
             Et la femme ?
Dès que l’un reconnaît l’autre
Il commence à se douter de lui-même.
Dans l’autre, il se comprend lui-même

La mer et la mère, vergr¨sserter teil eines "entwickelten" Bildes. Aquarell-Tusche auf Pap

Im andern geht es sich selber auf.

          Der Geist

sagt Hegel

          sei dies:

          Im andern bei sich selbst sein.

Der Geist das Ufer.

 

"Das Offensein ist illusionslos"

-steht auf dem Blatt.

 

Offenes

            gibt

            überläßt

            gewährt

            birgt

            nimmt dankbar zurück.

Und die Frau?

             Harrte im Dunklen am Tauchbad

             einsam bange

             sieht Euch wieder

             so anders

             so ihr selbst

             die ihr Euch nie so saht

             seht Euch wieder.

Die ihre Dinge waren

             empfägt sie

             wieder geboren

             als Fremde

             Vertraute

             als donum.

 

 

             L'esprit,
dit Hegel,
             c’est cela :
             être chez soi dans l’autre.
L’esprit : le rivage

 

"Etre ouvert est dépourvu d’illusion"
- est écrit sur la feuille.

 

Ce qui est ouvert
              donne
              cède 
              accorde
              renferme
              reprend avec reconnaissance.
Et la femme ?
              Attendant dans l’obscurité auprès du
bain d’immersion,
              seule et anxieuse,
              elle vous revoie
              si différents,
              si pareils à vous-même,
              vous qui ne vous êtes jamais vus ainsi
              vous vous revoyez.
Ceux qui étaient siens,
              elle les accueille
- renaissants
étrangers
mais aussi familiers –
comme un don.

Dr. Gerd Achenbach